Datum: 29.07.2001 14:58:05 Autor: Udo Teichmann ©
Linke und linke Brillen


Jugend kann braunem Dreck nichts abgewinnen
Liebe Mitdiskutanten,

eine repräsentative Umfrage in Berlin vom Dezember 2000 zeigt, daß die Enge und Feindseligkeit ausländerfeindlicher Motive wohl nur noch für eine isolierte Minderheit alter Säcke interessant sind, der ganz überwiegende Anteil der Jugend kann dem ganzen braunen Dreck nichts abgewinnen.

Berlin als kulturell bunte Metropole wird von den Jugendlichen in Ost und West als attraktiver Lebensmittelpunkt angesehen. 94% fühlen sich hier „sehr wohl" oder zumindest „wohl". 1998 fühlte sich noch jeder 5. Jugendliche „nicht so wohl". Die jungen Berliner blicken auch überwiegend optimistisch in die Zukunft: 75 % schätzen ihre eigenen Zukunftsaussichten „sehr gut" oder „gut" ein, von der viel zitierten ‚no future' - Haltung keine Spur mehr. Auch wenn die Jugendlichen einmal von ihren persönlichen Aussichten absehen, ist der Blick in die Zukunft keineswegs düster. Blickte 1998 eine deutliche Mehrheit von fast 60% pessimistisch auf die gesellschaftliche Entwicklung, so haben sich Ende 2000 die Verhältnisse nahezu vollständig gedreht.
Die Akzeptanz demokratischer Spielregeln für eine Gesellschaft mit wachsender kultureller Vielfalt wird von den Jugendlichen voll akzeptiert.. Allgemeines Wahlrecht, Meinungs- und Pressefreiheit, Religionsfreiheit und auch Minderheitenschutz, der Respekt vor kulturellen oder religiösen Unterschieden oder auch das Recht auf Arbeit gelten bei den Jugendlichen als unverzichtbar für die Demokratie.

Der Umgang mit Menschen anderer Herkunft oder Kultur ist für junge Berlinerinnen und Berliner zu etwas Normalem und vor allem auch Unspektakulärem geworden. Das hängt sicher vor allem mit der Situation in den Schulen oder während der Ausbildung zusammen, wo Deutsche und Nichtdeutsche sich Tag für Tag begegnen und zusammen aufwachsen. Multi-Kulti ist nichts Exotisches mehr, sondern Alltag. So ist es auch kein Wunder, dass fast 90 Prozent der Befragten bejahten, Ausländer im Freundes- und Bekanntenkreis zu haben. Wenn dieser Wert in den Westbezirken bei 93% liegt und in den Ostbezirken bei 75%, so dürfte hier der Mangel an Gelegenheit in erster Linie den Unterschied begründen. Gegenüber 1998 hat aber auch in den östlichen Bezirken der Wert um 5% zugenommen.
Aber immerhin gaben in den östlichen Bezirken 33 % an, dass in ihrer Nachbarschaft fast keine Ausländer leben, im Westen sind das 10 % weniger.

Krass ist aber wie schon bei der letzten Umfrage die Fehleinschätzung, wenn Jugendliche gefragt werden, wie viele Ausländer überhaupt in der Stadt leben. Nur rund 20% konnten korrekt beziffern, dass die Zahl der Ausländer in Berlin bei etwa 450 000 liegt. Fast ebenso viele meinten, der Anteil läge doppelt so hoch. Der Durchschnittswert, der genannt wurde lag bei
660 000, zwar fast 100 000 weniger als 1998 aber immer noch viel zu hoch eingeschätzt.

Dass Ausländer und Deutsche zusammen leben, ist für junge Deutsche nichts Bedrohliches. Die überwiegende Mehrheit unterstützt die Ziele der Berliner Ausländer- und Integrationspolitik und hätte gegen eine gezielte Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften auch keine Einwände, trotz nach wie vor hoher Arbeitslosigkeit. Werden Jugendliche gefragt, ob sie es für richtig halten, Angst und Misstrauen zwischen Ausländern und Deutschen abzubauen, in Erziehung und Bildung zu vermitteln, andere Kulturen zu achten, die Begegnungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu fördern, so spricht sich ein extrem hoher Anteil von weit über 90% für diese Ziele aus. Wichtig hielten die Befragten aber auch die Förderung besserer Deutschkenntnisse und die Chancengleichheit in der Berufsausbildung für ausländische Kinder und Jugendliche. Naturgemäß setzen sich Jugendliche mit ihren in der Schule gewonnenen Erfahrungen stärker mit diesem Thema auseinander als Erwachsene. Da Jugendliche zusammen mit Gleichaltrigen nichtdeutscher Herkunft aufwachsen und die Schule besuchen, fordern sie auch viel stärker als die Erwachsenengeneration gute Sprachkenntnisse ein. Angesichts der oft mangelhaften Deutschkenntnisse gerade junger Ausländer oder ausländischer Kinder sollte nach Ansicht von rund der Hälfte der befragten Jugendlichen gezielter Förderunterricht dazu beitragen, dass mehr Kinder nichtdeutscher Herkunft einen Schulabschluss schaffen. Freiwillige Förderangebote oder Pflichtsprachunterricht für die Eltern wird zwar auch von einem fünftel für wichtig erachtet, fällt aber gegenüber dem Förderunterricht stark ab.

Anzeichen für die Bereitschaft zu einem selbstverständlichen Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Kultur ist auch die Bereitschaft, eine Ehe mit einem Angehörigen der jeweils anderen Gruppe einzugehen. Über 80% der Jugendlichen können sich vorstellen, mit einem Ausländer oder einer Ausländerin verheiratet zu sein. Das ist gegenüber 1998 ein Zuwachs um 10%. Vor allem in den Ostbezirken ist dieser Anteil stark angestiegen, nämlich um 12 %.
Dass junge Menschen heute eher Unterschiede in Kultur oder Nationalität akzeptieren lässt sich aus der Umfrage eindeutig belegen. Für unverzichtbar hält die überwältigende Mehrheit, nämlich über 90 %, die Anpassung von Ausländern an hiesige Gesetze und an die hiesige Sprache. In anderen Bereichen wie etwa Kleidung, Religion, Essgewohnheiten oder Kultur und Lebensart wird keine Anpassung gefordert.
So überrascht es auch nicht, dass junge Menschen überhaupt kein Problem damit haben, dass andere Menschen beispielsweise auch in einem ansprechenden Rahmen ihrer Religion nachgehen wollen. „In Berlin leben über 200 000 Muslime. Sie haben den Wunsch nach einer würdevollen großen Moschee. Würden Sie dem Bau einer solchen Moschee zustimmen?" - wurde gefragt und dreiviertel der Berliner Jugendlichen würden dem Bau ihre Zustimmung geben. In den Ost-Bezirken ist die Zustimmung nur geringfügig niedriger als im Westen. 1998 fiel die Zustimmungsbereitschaft um über 15 % niedriger aus. Auch in der Frage nach islamischem Religionsunterricht war die Haltung der deutschen Jugendlichen eindeutig: 65 % und zwar in Ost und West befürworten einen solchen Unterricht.
Überhaupt verlangen die jungen Menschen ganz entschieden eine Gleichbehandlung der verschiedenen Nationalitäten in der Stadt. Sie lassen sich von einem ausgeprägten Gerechtigkeitsbewusstsein leiten:
Soll etwa ein junger ausländischer Drogendealer, der wie sein deutscher Kumpan, wegen Drogenhandels verurteilt wurde, anders als der Deutsche nach Verbüßung der Haftstrafe noch abgeschoben werden, obwohl er doch auch hier geboren wurde? 1998 meinte noch fast die Hälfte der Befragten, dass eine solche Abschiebung in Ordnung sei. Ende 2000 sprechen sich 81 % dagegen aus, West und Ost sind sich hier einig in ihrem Gerechtigkeitsempfinden.

Jugendliche wollen sich das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Kultur auch nicht von rechtsradikalen Gewalttätern vergiften oder kaputt machen lassen. Eine deutliche Mehrheit plädiert für eine härtere Bestrafung von rechtsradikalen Straftätern, die Ausländer aus Hassgefühlen angreifen. In den östlichen Bezirken war diese Haltung noch geringfügig höher als im Westen der Stadt.
Auf der anderen Seite scheint ein Teil der Jugendlichen heute rechtsradikale Einstellungen in der Jugendszene als gegeben hinzunehmen. Die übergroße Mehrheit der Berliner Jugendlichen, nämlich 75 % bringt rechtsradikalen Jugendlichen überhaupt kein Verständnis entgegen, aber fast jeder fünfte Jugendliche in den West-Bezirken und jeder dritte Jugendliche in den Ost-Bezirken kann für rechtsradikale Positionen ein gewisses Verständnis aufbringen.
Das schlägt sich jedoch keineswegs in einer bestimmten Parteienpräferenz nieder: Rechtsradikale Parteien wie REP/DVU/NPD sind fast allen Jugendlichen unsympathisch, nur 1% äußerte in der Umfrage Zustimmung zu diesen Parteien. Ein eindeutiger Rückgang gegenüber der Umfrage 1998, als noch 5 % Sympathien äußerten.
Während Gewalt von Jugendlichen eindeutig abgelehnt wird, spiegelt sie für einen erschreckend hohen Anteil die traurige Realität wider. Die ganz überwiegende Mehrheit der jungen Berlinerinnen und Berliner ist zwar in den letzten 12 Monaten selbst kein Opfer von krimineller Gewalt geworden, nämlich etwa 90 %, aber für rund 10 % gilt das eben nicht; sie sind im Laufe des letzten Jahres mit Gewalt konfrontiert worden, ob ihnen nun Sachen entwendet wurden, sie erpresst oder bedroht wurden oder sie gar geschlagen wurden.

Aber zurück zu den Fragen des Zusammenlebens von deutschen und nichtdeutschen Berlinerinnen und Berlinern. „Leben in Deutschland zu viele Ausländer?" wurde gefragt und die meisten Jugendlichen konnten solchen Formulierungen nur wenig abgewinnen. Über die Hälfte der jungen Leute stimmte 1998 noch einer derartigen Aussage zu. Jetzt sind es nur noch 26 %. Und bei guter Integration, so schätzen es die Befragten ein, könnten in Deutschland noch mehr Ausländer leben. Zwei Drittel aller Jugendlichen waren dieser Meinung; ebenfalls eine völlige Umkehrung der Ergebnisse von 1998. Und die Schuld an der Arbeitslosigkeit geben junge Berlinerinnen und Berliner den Ausländern ebenfalls nicht. Solche platten Formulierungen fallen nur bei 12 % auf fruchtbaren Boden. Ähnlich ist es mit nationalistischen oder chauvinistischen Parolen. „Die Deutschen sind nicht besser als beispielsweise Türken oder Vietnamesen" - dem stimmen 83 % der Berliner Jugendlichen zu. Mit Deutschtümelei sind sie nicht zu gewinnen. Selbst das klassische Stereotyp vom fleißigen Deutschen, der doch wenigstens fleißiger als andere Nationalitäten sei, verfängt nicht mehr, konkret können 86 % einer solchen Aussage nichts abgewinnen.
Kein Wunder also, dass Jugendliche in Berlin mit Diskussionen um allgemein verbindliche Anpassungszwänge in der Kultur nichts anzufangen wissen. Sie bewegt es nicht, weil sie ihre Umwelt, ihre Lebenswirklichkeit als sehr vielfältig und bunt erleben und sich nicht auf bestimmte Identitäten festlegen lassen wollen oder sich ein bestimmtes Etikett aufkleben zu lassen .
So war Ende 2000 nur etwa der Hälfte der befragten Jugendlichen der Begriff der „Leitkultur" bekannt und von denen, die den Begriff kennen, fanden ihn fast 80 % für wenig sinnvoll und interessierten sich nicht für solche Debatten.
Alles in allem keine schlechten Zukunftsaussichten für das verträgliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Kultur oder Nationalität in einer Großstadt wie Berlin, wo das Zusammenleben auch Tag für Tag praktiziert und neu eingeübt wird.

Quelle: xxxxx://www.berlin.de/Land/SenArbSozFrau/auslaender/pm_jugendumfrage.htm

Mut freundlichen Grüßen
Udo Teichmann