Datum: 26.07.2001 10:25:09 Autor: Marco Muenzer ©
G8-Gipfel, die Maske fällt
Stellungnahme von Bodo Zeuner
Von: univ.prof. bodo zeuner
25.07.2001 21:22
Stellungnahme zum Staatsterrorismus beim Genueser
Weltwirtschaftsgipfel
Ich bin der Vater von Katharina Zeuner, die am Morgen des 22. Juli 01 in der Schule Armando Diaz Opfer
eines geplanten und brutalen Polizeiüberfalls auf friedliche und schlafende ProtestiererInnen gegen den
Genueser Weltwirtschaftsgipfel wurde. Ich habe bis heute, Mittwoch, keinen Kontakt zu ihr bekommen,
und ich hoffe, dass sie - entsprechend den Prognosen des Mailänder Konsulats der BRD - bald
freigelassen wird.
Zugleich bin ich Professor für Politikwissenschaft und ein politisch engagierter Mensch.
Ich habe gestern bei der Pressekonferenz des Berliner Ermittlungsausschusses in beiden Rollen Stellung
genommen, und bin gebeten worden, meine mündliche und spontane politische Stellungnahme nachträglich
aufzuzeichnen. Das tue ich gerne:
Ich lese - zufällig - in diesen Tagen Sebastian Haffners Frühwerk ?Geschichte eines Deutschen?. Darin
wird besonders eindringlich beschrieben, wie sich im März 1933 bei fast unverändertem Alltag die
Koordinaten des Privatlebens durch die Umwandlung des preußisch-deutschen Staats in eine antihumane
Terrororganisation verändert haben. Es wird auch der mangelnde Widerstand der deutschen
Bevölkerungsmehrheit und ihrer Führungsgruppen aus Parteien und Gewerkschaften gegen diese
Umwandlung beschrieben.
Ohne die gegenwärtige Situation mit 1933 gleichsetzen zu wollen, was selbstverständlich unhistorischer
Unfug wäre, scheint mir eine Gemeinsamkeit festhaltenswert: Es kommt darauf an, der Umwandlung des
dem Recht und der Demokratie verpflichteten Staatsapparats in einen Terrorapparat der Herrschenden
entgegenzutreten.
Wenn Polizisten, wenn Spezialeinheiten der Polizei es sich herausnehmen, politisch unliebsame Personen,
wie in Genua geschehen, mitten in der Nacht zu überfallen und brutal, ja lebensgefährlich zu verprügeln,
dann ist es zu Folterkellern wie denen der SA im Deutschland von 1933 nur noch ein Schritt. Wer den
Überfall auf die Diaz-Schule in Genua als irgendwie entschuldbar durchgehen lässt, leistet Beihilfe zu
einer schleichenden Faschisierung der Gesellschaft. Der italienische Innenminister Scajola hat erklärt:
?Die Sicherheitskräfte verhielten sich mit beispielhafter Würde und können nicht dem Spott preisgegeben
werden.? Dies ist exakt die Sprache von Hitler und Göring aus dem Jahr 1933. Wenn Herr Scajola nicht
abgelöst wird, wenn diese Denkweise sich durchsetzt, sind wir - in Italien und in Europa insgesamt - auf
dem Weg in eine andere Republik.
Neben der Parallele zu 1933 sehe ich eine andere, im Ergebnis tröstlichere, die zum Sommer 1967 in
Deutschland u d insbesondere in West-Berlin. Ein wildgewordener Polizist namens Kurras erschoss am 2.
Juni 1967 beim von Demonstrationen begleiteten Schah-Staatsbesuch den friedlichen Demonstranten
Benno Ohnesorg. Der West-Berliner Staatsapparat unter dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz
stellte sich damals sofort und reflexartig voll hinter die Polizei einschließlich des tötenden Polizisten
Kurras, Herr Albertz rief die Berliner auf, sich gegen den ?Terror? der demonstrierenden Studenten zu
wehren. Der Polizeipräsident Dünsing rechtfertigte seinen brutalen, Hunderte von Verletzten
produzierenden Knüppeleinsatz gegen Anti-Schah-Demonstranten vor der Deutschen Oper Berlin mit dem
?Leberwurst-Prinzip?: Man müsse in die Mitte hineinstechen, damit es am Ende herausquillt. - Ein paar
Wochen später waren Dünsing und Albertz nicht mehr im Amt, und Albertz sagte noch Etwas später, er sei
nie so schwach gewesen wie an dem Tag, an dem er sich hinter seine Prügelpolizei gestellt habe.
Wie kam dieser Wandel? Durch beharrliche Demonstration gegen Staatsterror, durch mutiges Eintreten
ganz vieler Menschen, vor allem StudentInnen, auf der Straße und in den Medien für Menschenrechte,
durch beharrliche Untersuchungen eines - schon damals bestehenden! - Ermittlungsausschusses gegen
Übergriffe der Polizei, durch massenhafte Aufklärung gegen die damals herrschende Mediengewalt (vor
allem "Springer-Presse").
Auch wenn wir wissen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, können wir aus ihr lernen. Es gibt Dinge,
die gleich bleiben und es gibt Neues. Gleich geblieben ist die Unmenschlichkeit von absoluter Herrschaft
und eines entfesselten Kapitalismus. Gleich geblieben ist zum Glück auch die Fähigkeit der Menschen auf
der ganzen Welt, sich gegen diese Unmenschlichkeit zu wehren. Neu ist unsere Chance, uns über internet
zuzammenzutun. Neu ist, dass wir es nicht mehr mit einem deutschen, sondern mit einem italienischen, ja
einem europäischen und tendenziell weltweiten Problem einer wild gewordenen Staatsgewalt zu tun haben.
Neu und ermutigend ist, dass der Widerstand gegen globalisierte Ungleichheit und Ungerechtigkeit selber
international geworden ist.
Der antidemokratische und bürgerfeindliche Staatsapparat des Berlusconi (und seiner Brüder im Geiste wie
Schröder, Schily, Bush, Blair u.a.) ist nicht so leicht zu konterkarieren und zu deligitimieren wie der des
Heinrich Albertz in West-Berlin 1967/68 (obwohl auch das uns damals viel Mühe kostete). Aber es lohnt
sich, und es ist nicht chancenlos: Italien muss wieder ein Rechtsstaat werden. Und: Weder in Italien noch
anderswo darf der Staatsapparat einfach so machen, was die gerade Herrschenden wollen. Und: Ohne eine
demokratisch-rechtsstaatliche Regulierung des weltweiten Kapitalismus geht die Menschheit zu Grunde.
Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Treffen von Politikern. Aber diese Politiker müssen
demokratische Politik machen und sich gegenüber dem wildgewordenen Kapital durchzusetzen versuchen.
P.S. Ich finde, dass seitens der in Genua angetretenen Gegner dieses Weltwirtschaftsgipfels zu wenig
Kritik an dem ihnen aufgedrückten Etikett ?Globalisierungsgegner? geübt worden ist. Meine Tochter z.B.
hat im letzten Jahr viel Zeit in Mexiko, Kuba und USA verbracht; für September hat sie ein
Austauschprogramm mit Studentinnen aus Sibirien mit organisiert. Globaler geht?s doch kaum. Wogegen
sie eintritt - und ich auch eintrete - , ist die spezifische, kapitalistische, die Konkurrenz intensivierende,
die Verelendung der Verlierergruppen und die Spaltung von Gesellschaften verschärfende Form der
?Globalisierung?. Wie wäre es also, wenn die Presse statt von ?Globalisierungsgegnern? einfach von
?Internationalisten? sprechen würde?