Datum: 24.06.2000 02:46:02 Autor: Udo Teichmann ©
das Christentum...2000 Jahre Erfolg
Klaus vs. Schneider
Klaus
Lieber Klaus,
Deine Attacke gegen Klaus Schneider ist ungerecht. Was Herr Schneider sagt, ist allgemeiner Kenntnisstand der Theologie seit hundert Jahren. Nur Dir, dem (katholischen) Gläubigen, dürfen sie es nicht verraten, sonst verlieren sie ihren Job. Und Du solltest Herrn Schneider dankbar sein, denn "einen Menschen vom Irrtum zu befreien, heißt geben, nicht wegnehmen. Wissen, daß etwas falsch ist, ist eine Wahrheit. Irrtum schadet immer: Früher oder später wird der Irrtum demjenigen, der ihn hegt, Nachteile bringen. (Arthur Schopenhauer)
Intellektuelle Redlichkeit ist die erste Voraussetzung menschlicher Würde. Aus dieser Haltung folgert: Es ist viel wertvoller, offen für die Wahrheit zu sein, als den Glauben zu bewahren. Seinen Glauben zu verlieren ist eine Kleinigkeit, verglichen damit, seine Integrität zu verlieren. Den Glauben als eine gute Investition zu behandeln, die um jeden Preis verteidigt werden muß, selbst um den Preis, sich für alle Argumente gegen ihn blind zu stellen, beweist, daß solch ein Glaube bloße Bigotterie ist...
Umgekehrt spricht Sokrates in der Apologie über die intellektuelle Redlichkeit: "Kein Übel kann einem redlichen Mann zustoßen, ob er lebt oder tot ist."
Und Albert Schweitzer sagt: "Wenn das Denken sich ungehindert auf die Reise machen soll, muß es zu allem bereit sein, selbst dazu, bei einem intellektuellen Agnostizismus anzulangen ... Selbst diese schmerzliche Enttäuschung ist besser für es als eine beharrliche Weigerung, seinen Standpunkt überhaupt durchzudenken."
Im frommen Milieu dagegen gibt es eine gewisse Koketterie mit der gläubigen Einfalt, die stolz darauf ist, am Glauben nie irre zu werden, was auch immer die Vernunft zu sagen hätte. Solche Gläubige prahlen dann mit ihrem Christentum wie mit einem großen Erfolg und spüren nicht, daß dieses Christentum nur deswegen nicht totzukriegen ist, weil es schon lange tot ist...
Was besagt der christliche Glaube konkret?
1. Jesus ist der ewige Sohn Gottes, dem vom Himmel zur Erde kam, als er in einem Stall in Bethlehem von einer Jungfrau geboren wurde.
2. Er zeigte seine Allwissenheit, indem er die ganeuen Umstände seines Todes in Einzelheiten voraussagte.
3. Er beanspruchte nicht nur, der Messias zu sein, sondern der Sohn Gottes, die zweite Person der Dreifaltigkeit, und beweis es, inderm er
4. enorme Wunder wirkte, einen Sturm durch sein Wort besänftigte, auf dem Wasser wandelte, und Wasser in wein verwandelte.
5. Sein größer Beweis war, daß er am dritten tag nach seiner Keuzigung das Grab verließ: Er ist auferstanden von den toten und aufgefahren in den himmel.
6. Jesus predigte das reich Gottes in den herzen der Menschen.
7. Da er wußte, daß er streben würde, hinterließ er eine Kirche, die er in der Zeit seines Wirkens zu gründen begonnen hatte.
8. Er hatte für diesen Zweck zwölf Apostel auserwählt, die seine Vertretzer sein sollten (später Bischöfe genannt); sie sollten bis zum Ende der zeit Nachfolger haben, die die Kirche belehrten und führten.
9. Diese Kirche sollte der sichtbare Ausdruck von Einheit und Liebe sein, ein Zeichen für alle Menschen, daß Christus die Quelle ihres Lebens ist. er plante, daß sie die unwandelbare Wahrheit verkünden würde, weil der geist der wahrheit bei ihr sein würde.
10. Außerdem gab er der Kirche Sakramente, vor allem die taufe und die eucharistie, als Zeichen seiner fortdauerenden, heilbringenden Gegenwart bei seinem volk.
11. Für manche Christenist der papst zentral in diesem schema, für andere hat er nichts darin zu suchen.
12. Für alle Christen aber stehen die Wahrheiten, nach denen sie leben sollen, in der bibel, insbesondere den vier Evangelien.
13. Diese sind von Gott inspiriert und deshalb garantiert frei von jedem Irrtum. Sie sind einander ergänzende Biographien von Jesus, geschrieben von Augenzeugen oder nach den Berichten von Augenzeugen.
14. Sie sind buchstäblich die "heilige Wahrheit" - und wenn Jesus nicht Wunder gewirkt hätte, wenn er nicht von den toten auferstanden wäre, wenn gezeigt werden könnte, daß das Grab am Ostertag nicht leer war, dann wäre der christliche Glaube vergeblich.
15. Die höchste Wahrheit der christlichen Religion, diejenige welche sie als einzigartig auf der ganzen Welt auszeichnet, ist der Glaube, daß Jesus der ewige Sohn Gottes war, dem im Schoß der Jungfrau Maria Mensch wurde.
Die moderne Theologie nimmt von keiner einzigen dieser 15 fundamentalen christlichen Glaubenssätze an, daß sie im wörtlichen Sinn wahr wären. Wer diese Glaubenssätze dennoch im wörtlichen Sinne buchstäblich nimmt, wird durch moderne Diskussionen über Religion und Christentum zwangläufig verletzt, verärgert oder gar schockiert.
Dennoch kann man auf solche Empfindlichkeiten heute keine Rücksicht mehr nehmen. Es gibt nicht nur Atheisten, sondern auch Gläubige, die sich weigern, sechs Tage in der Woche wie Menschen des 21. Jahrhunderts zu reden und zu denken - und am Sonntag wie Semiten des 1. Jahrhunderts. Sie wissen, daß der Glaube vieles offenläßt. Sie sind nicht bereit, möglichst viel Unmögliches zu glauben, weil es so in der Bibel steht oder die Kirche es behauptet. Sie sind nicht süchtig nach Gewißheiten über "letzte Fragen", wollen nicht irgendwelche Fakten bloß auf Autorität hin für wahr halten. Dogmen sind für sie "Vorurteile mit Heiligenschein" - die für sie keinerlei spirituelle Kraft entfalten.
Auch diese skeptischen Gläubigen haben ein Recht, über ihren Glauben und ihren Unglauben zu reden. Mit formelhaften Phrasen sind sie nicht zum Schweigen zu bringen, aber wenn sie einmal schweigen, spricht das nicht für den Glauben, dessen Krise Du hier als Erfolgsstory zu kaschieren versuchst... Die Zivilisation braucht lebensnotwendig Religion - doch moderne Menschen können die "Tröstungen" eines Glaubens nicht akzeptieren, dem jede intellektuelle Glaubwürdigkeit abhanden gekommen ist.
Die Kirchen haben so viel Angst davor, den christlichen Glauben im Licht der modernen Welt und der aktuellen Bibelforschung neu zu überdenken, daß ihr Gerede über Jesus, das "Heil" und "Erlösung" peinlich zu werden beginnt - sowohl für diejenigen, die sprechen, als auch für diejenigen, die ihr Bestes tun, höflich zuzuhören...
Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann