Datum: 17.04.2000 15:21:54 Autor: Udo Teichmann ©
Papst Johannes Paul II. für mich ein Heuchler...


Amadeus: Thema verfehlt - Chance verpaßt
   
Lieber Amadeus,
liebe Mitdiskutanten,

Ausgangspunkt dieses Themas ist das Millenium-Schuldbekenntnis des Papstes, der wegen der Verfehlungen und Verbrechen der Kirche ein vages "mea culpa" gesprochen hat, indem er die Institution Kirche aus dem Schuldbekenntnis ausklammerte und nur für die Sünden einzelner Gläubiger um Verzeihung bat. Als Heuchelei wurde dies von einer Katholikin empfunden, weil diese "einzelnen Gläubigen" eben nicht irgendwelche Zufallspassanten mit römisch-katholischem Taufschein waren, sondern oftmals gerade hohe Repräsentanten der Kirche, Priester, Ordensleute, Bischöfe und Päpste, Synoden, kirchliche Gerichte, das "Heilige Offizium". Es wirkt in der Tat merkwürdig, wenn solch eine illustre Schar kirchlicher Repräsentanten und Amtsträger - sofern sie schwere Schuld auf sich luden, in der Sprache des Papstes plötzlich zu einfachen Gläubigen mutierten, die individuell vom wahren Weg abgewichen seien.

Dies ist eine drückende und bedrängende Frage, erst recht, wenn es um die elende katholische Tradition des Antisemitismus geht. Mit dieser eigenen Last der Tradition muß sich auseinandersetzen, wer das "mea culpa" - also das höchstpersönliche Schuldbekenntnis, nicht zur PR-Masche pervertieren will.

Leider übermannte den wackeren Amadeus bei der berechtigten Kritik an der Halbherzigkeit, Indirektheit, Verklausuliertheit des päpstlichen "mea culpa" ein heftiger Revierverteidigungsdrang. Statt der eigenen Schuld der Kirche, der Last der christ-katholischen Tradition, ja der jahrhundertelangen Perversion der Botschaft der Liebe durch hohe und höchste Amtsträger der hierarchischen Kirche innezuwerden und die Einsicht in diese Schuld zu ertragen - wandte er sich heftig zurück in die unchristlichen Konfessionsrivalitäten vergangener Jahrhunderte. Es ist nichst als der banale Versuch, den ausgetreckten Finger auf andere zu deuten, die noch schlimmere Sünder seien - um so die Last der eigenen Schuld abzuwerfen. Da helfen alle Details und alle Zitate und alle endlosen Angriffe auf Mitchristen nichts - Antisemitismus ist und bleibt eine schändliche Verirrung der christlichen Tradition, und 1400 Jahre lang war die "christliche" Tradition allein katholische Tradtion. Sie hat die Wurzeln gelegt für all den Ungeist, der dann auch an anderen ausgebrochen ist.

Schuld ist schwer zu ertragen. Erst recht wenn zu der innerlich akzeptierten Schuld auch noch Vorwürfe von außen kommen, die als unfair empfunden werden. Dann aber die Nerven zu verlierten, den Konkurrenzkampf der Verdorbenheit auszurufen und selbstgerecht auf andere zu zeigen, das entwertet das eigene Schuldbekenntnis, läßt an der Ernsthaftigkeit eines solchen "Schuld"-bekenntnisses Zweifel aufkommen. Man kann nicht schwere Schuld bekennen und zugleich behaupten, fast schuldlos zu sein, weil andere ja noch schlimmer wären. Das ist eine Halbherzigkeit, die mit großem Prunk vorführt, wie man sich wäscht - aber peinlich davor zurückschreckt, dabei naß zu werden.

In der katholischen Beichte gilt es als schwere Sünde der Hoffart, die ein "Beichtvater" streng zu unterbinden hat, wenn bei dem Geständnis der eigenen Schuld über fremde, angeblich größere Schuld gerechtet wird. Und der Papst hat kein historisches Seminar über die Rolle von Christen in der Vergangenheit gehalten - sondern rituell-liturgisch vor Gott Schuld bekannt. In diesem Kontext endlose Konfessionshetze zu betreiben, kann nicht beeindrucken...

Mit freundlichen Grüßen
Udo Teichmann