22.3.2002
Das Usenet ist - vorsichtig gesagt - eine Sache für sich. Das "Logfile" darf ich mit Genehmigung des Autors, Clemens Meier, hier wiedergeben.
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Sender: clmeier@lili2.lili.uni-bielefeld.de
Newsgroups: de.rec.spiele.rpg.misc,de.alt.fan.fruehstyxradio
Subject: [LOGFILE] Netcops
From: Clemens Meier <clmeier@lili.uni-bielefeld.de>
Date: 14 Nov 2001 21:52:57 +0100
Message-ID: <q9lmh9m5w6.fsf@lili2.lili.uni-bielefeld.de>
Organization: Universitaet Bielefeld, Linguistik und Literaturwissenschaft, Germany
Lines: 192
X-Newsreader: Gnus v5.7/Emacs 20.5
NNTP-Posting-Host: lili2.lili.uni-bielefeld.de
X-Trace: news.uni-bielefeld.de 1005771180 lili2.lili.uni-bielefeld.de (14 Nov 2001 21:53:00 MET)
Mein Name ist Clemens Meier.
Und dies ist das Logfile einer Reise durch die
Newsgroups der Bekloppten und Bescheuerten.
Hier ist mein Bericht.
Läßt man die technischen Details außer acht, präsentiert sich das
Usenet als Demokratie, und wie jede Demokratie ist auch das Usenet
nichts weiter als die Diktatur einer Minderheit selbsternannter
Weltverbesserer über eine Mehrheit von Nutzern, die es nur als Mittel
der Kommunikation auffassen und nicht die nötige Penetranz aufbringen,
sich ständig in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen zu
müssen. Leider ist das Netz noch nicht lange genug auf der Welt, um
die Schutzmaßnahmen erworben zu haben, die in den weltlichen
Demokratien eine allzu krasse Ausbeutung der Mehrheit durch die
politische Klasse verhindern. Nun geht es im menschlichen
Zusammenleben nicht ohne ein gewisses Mindestmaß an Regeln, und
irgendjemand muß sie aufstellen; aber um sich nicht selber den Draht
abzukneifen, über den sie eingeloggt sind, müssen die Autoren ihre
Regeln dann durch eine Vielzahl aus dem Ärmel geschüttelter
``Anpassungen'' und ``Nachbesserungen'' erweitern, um ihren Status als
Alphatierchen zu erhalten. So entsteht ein dicht geklöppeltes
Geflecht unsinniger Pseudolegislaturen wie ``FAQs'', ``Chartas'' und
``Netiquetten'', auf deren Einhaltung J.Random User gefälligst zu
achten hat, obwohl sie zu nichts anderem gut sind, als ihm die freie
Bewegung im Netz zu verwehren.
Im Gegensatz zu den weltlichen Demokratien allerdings gibt es im
Usenet keine Ordnungshüter, keine Polizei, deren Integrität und
Glaubwürdigkeit von einer breiten Mehrheit zumindest prinzipiell
anerkannt wird. Nein, hier herrscht noch der Wilde Westen, wo jeder,
der seine angeborene Mißgunst als Berufung versteht, den virtuellen
Colt umschnallt, um seine nichtsahnenden Mitmenschen ungefragt vor
vermeintlichen Abweichlern in Schutz zu nehmen. Dumm nur, daß der
Internet-38er einen äußerst langen Lauf hat: Die einzig wahre Sanktion
gegenüber Leuten, denen irgendein nichtiger Regelverstoß zur Last
gelegt werden soll, ist der Entzug des Netzzugangs, und das liegt
selten in der Macht der Gestalten, die vor dem Bildschirm
selbstgehäkelte Bobbyhelme tragen. Die kommen nur mit einer
Beschwerde beim Postmaster weiter, der, meist schon mit seinem
normalen Tagewerk der Netzadministration bis zum Zusammenbruch
überlastet, flugs dem fiesen Fehlposter den virtuellen Stecker zieht,
um sich eine Flut weiterer Hetzbotschaften zu ersparen. So bleibt es
gar nicht aus, daß die Usenet-Normenkontrolle zu einem stasiartigen
Netzwerk von Spitzeln und Informanten verkommt, bei dem man nie sicher
sein kann, ob der Bekloppte am nächsten Terminal nicht auch dazugehört
und die leichtfertig abgelassene Frustration nicht als Beweismittel
für einen späteren Schauprozeß mitloggt.
Und wie bei jedem schmutzigen Geschäft wie Perl-Programmierung oder
Hinrichtungen, um die ein jeder rechtschaffene Mensch aus gutem Grund
einen Bogen macht, finden sich charakterlose Subjekte, die sogar
Gefallen daran finden, ihren Mitmenschen nachzuschnüffeln und sie beim
kleinsten Verstoß vor den virtuellen Kadi zu zerren: Die Netcops.
Anders als die mittlerweile Großvätergeneration, die den Juden von
nebenan noch aus dem erkennbaren Eigennutz verpfiff, sich dessen
Kramladen unter den Nagel zu reißen, haben die Netz-KaPos nur
immateriellen Lohn. Wir alle kennen noch aus der ersten Klasse das
warme Gefühl, einen Mitschüler verpetzt zu haben, und die Genugtuung,
einem Mädchen am Boden noch mal so richtig in die Nieren zu treten.
Beim normalen Menschen verschwinden diese Neigungen in der
Grundschule, nicht dagegen beim Netcop, wo sie nur vom engen Korsett
der Konventionen menschlichen Zusammenlebens unterdrückt werden und
nach einem Ventil suchen.
Neben der Triebabfuhr lockt den Duckmäuser noch die Ehre: Da in der
reellen Massengesellschaft keine Lorbeeren mehr zu holen sind, beißt
der Usenet-IM befriedigt eine neue Kerbe in sein Mauskabel, wenn er
einen neuen faschistischen Crossposter der Elektro-Lubjanka zugeführt
hat, und gibt bei seinen Genossen mit all den schweren Jungs an, die
er schon abgeklemmt hat. Und so pirscht der Freizeitnörgler, der nach
eigenem Selbstverständnis keinen Job unter sechsnhalbtausend netto
annehmen würden --- wäre da nicht die blöde Sache mit der Miete und so
--- abends für lau durchs Unterholz des Usenet wie ein Kopfgeldjäger,
der die bin-Laden-Millionen geistig schon auf das Spendenkonto der
Expo-Hilfe überwiesen hat.
Es darf dabei nicht vergessen werden, daß unter der Fassade der Ehre
noch die eigentliche Ursache für das Verhalten der Westentaschenspione
fault: Machtlosigkeit. Die Enge des eigenen Horizonts erlaubt es
ihnen nicht zu begreifen, daß normale Leute ihr Leben mit einem
produktiven Sinn erfüllen, deshalb erheben sie den horror vacui ihrer
verkorksten Existenz zur Richtschnur. Nur ändert das alles nichts
daran, daß die Kreativen und Intellektuellen sie um Meilen überragen.
Nicht einmal den Stecker können sie ihnen selber herausziehen, und so
kommt zu ihrer eigenen Minderwertigkeit noch die Erniedrigung, bloßer
Zuträger zu sein. Netcops rekrutieren sich folglich aus demselben
Klientel, das letzten Monat die Inquisition ermöglichte, letzte Woche
die Guillotinen fütterte und gestern mit dem Zollstock in Nachbars
Garten herumgrubberte, um eine zu lang gewachsene Wurzel oder einen
über die Grenze ragenden Ast zu beanstanden: blinde kleinkarierte
obrigkeitsgeile Radfahrer mit ausgeprägtem Hang zu übler Nachrede,
aber zu feige, ihre Anliegen selber in die Hand zu nehmen statt sich
hinter der eilig herbeigerufenen Exekutive zu verstecken.
Besonderes Augenmerk hat der E-Meckerer auf die Charta, seiner Meinung
nach die vollständige Aufzählung aller in einer Newsgroup zugelassenen
Wörter. Wehe dem, der die Charta flexibler zu lesen weiß und so die
geistige Höhenkontrolle des Netcops auslöst. Mit der Behutsamkeit
eines Nashorns in einem Biowaffenlabor pflügt der Bekloppte dann in
die stille Konversation erwachsener Menschen und veranstaltet mit
seinen Neigungsgenossen ein munteres Kesseltreiben gegen den off-topic
Poster. Daß seine Tiraden selber off-topic sind, stört ihn nicht,
immerhin darf die Polizei ja auch Geschwindigkeitsbeschränkungen
mißachten, wenn die öffentliche Sicherheit gefährdet ist.
Das Lieblingswild der Verordnungsjünger ist aber, neben arglosen
Bürgern mit persönlichem Quoting-Stil, Zeilenlängen, die um einen
Pixel von der empfohlenen Breite abweichen, und fehlenden
Signaturtrennern, der Pseudoposter, also jemand, der nicht unter einem
Namen postet, wie er auch in einem deutschen Personalausweis stehen
könnte. Dafür läßt der Netcop sogar Crossposter, Spammer und die
armen Schweine leben, deren einziges Vergehen es ist, versehentlich
die falsche Newsgroup erwischt zu haben. In Erinnerung an die
Cowboy-und-Indianer-Spiele aus heilen Vorschulkindertagen steckt er
sich den Sherriff-Stern an und haut in die Tasten, um dem
elektronischen Novemberverbrecher eine Abmahnung zukommen zu lassen
--- natürlich öffentlich, um seinen Abschuß zu dokumentieren und
gegenüber dem niederen Volk Präsenz zu zeigen.
Die Regelkenntnisse der Bekloppten sind enzyklopädisch, ihre Fähigkeit
sie anzuwenden dagegen mikroskopisch, und ausgelegt wird ``Das Recht''
nur in ihrem Sinne. Kritische Stimmen sind für die Erststeinwerfer
selbstverständlich Apologeten und Kollaborateure und gehörten neben
dem Pseudoposter an die Firewall gestellt, wenn man ihnen nur einen
echten Regelverstoß nachweisen könnte. Die Argumentationsstrategie,
die die Netzschnüffler am liebsten verwenden, ist es, die Intelligenz
des normalen Menschen anzuzweifeln --- als ob das bei ihnen selber
nicht mindestens ebenso angebracht wäre, erkennen sie denn nicht die
seltsame Verkehrung der Tatsachen in Bezug auf Realnamen und Pseudos,
wie sie im Internet offensichtlich wird. Anders als bei sich im Heim,
wo jeder durch seinen Namen eindeutig gekennzeichnet ist (abgesehen
von Müller und Müllerzwo), verschwinden im globalen Dorf des Internets
die Realnamen-Poster in der Anonymität tausender Meiers, Schulzes und
Schmidts, und nur ein klug gewähltes Pseudonym ermöglicht es, einen
Menschen unter Millionen sofort zu erkennen.
Davon ermüdet, immer um den Balken in ihrem eigenen Charakter
herumsehen zu müssen, retten sich die Gehirn-Zweitligisten gerne in
die freundliche Fiktion, daß hinter einem altdeutschen Wortpaar auch
ein gleichnamiger Mensch steht, und nicht etwa ein fieser
Pseudoverwender, der sich nur einen echt klingenden Namen ausgedacht
hat. Am liebsten würden sie jedem Nicht-Michel-Deutschmann gleich die
Polizei zur Personenüberprüfung auf den Hals hetzen, aber zu ihrer
angeborenen Feigheit kommt der nagende Zweifel, ob ein derart
angeschwärzter Mitsubishi Pajero nicht doch das Katakana blankzieht
oder sich hinter Fayencit Ölbinder nicht doch ein leicht entflammbarer
Anatole verbirgt.
Um die niedrige Latte der gestatteten Individualität zu rechtfertigen,
kommen die geistigen Limbo-Tänzer gerne mit ganzen Herden schwarzer
Schafe, die sie unter den Pseudopostern ausgemacht haben wollen.
Sicher gibt es den einen oder anderen Pseudonutzer, der auch eine
andere, vernünftige, fundamentale Regel des Usenet gebrochen hat, aber
das kommt bei Realnamenverwendern ebenfalls vor, und die können sich
anschließend in die Masse der vernetzten Klötenkämpers zurückziehen.
Darüber hinaus vernachlässigen die Netcops, daß es gar nicht um
Identität geht: Der Möglichkeiten, im Internet sein Personalien zu
verschleiern, sind wenige. Es gibt sogar selbsternannte Schnüffler,
die sich für große Enthüllungsjournalisten halten, wenn sie den Wahren
Namen eines Pseudoposters aufdecken, ohne dabei zu bemerken, daß sie
letztlich ein Pseudonym durch ein anderes ersetzen, und so noch selber
zur Verschleierung beitragen. Doch auch sie verschließen ihre Augen
vor dem wesentlichen: Was zählt, ist allein der Wiedererkennungswert.
Das haben schon andere gemerkt, zum Beispiel tausende von Gerhards in
deutschen SPD-Verbänden, die 1997 bis hinunter auf die Kommunalebene
gekeult wurden, um die Einzigartigkeit des Kanzlerkandidaten zu
gewährleisten. Man stelle sich vor, man gäbe seine Stimme einem
Gerhard S., und dann wäre es nur um den Frauenbeauftragten des
örtlichen Kirchenvorstandes gegangen!
Ein Pseudo ist also nichts weiter als ein Symbol für die Leistungen
seines Trägers, eine selbstgewählte Formel, die die Persönlichkeit und
ihr Lebenswerk auf den Punkt bringt, kurz: ein Künstlername. Aber die
Bekloppten und Bescheuerten können natürlich nicht zulassen, daß
jemand ihre personifizierte Unterdurchschnittlichkeit überragt, daß
ein anderer aus sich heraus zur Erkenntnis seiner Überlegenheit
gekommen ist, ohne von einem nationalen Kommittee von
Verordnungsfixierten die Erlaubnis dazu erhalten zu haben. Die
Netcops sind das Mittel des kleinsten gemeinsamen Nenners.
Widerlinge, die aus purem Neid und kleinkarierter Bosheit die kreative
Freiheit des Menschen beschneiden und zurückstutzen lassen wollen, und
die in der Machtlosigkeit ihrer kleinbürgerlichen Existenz jeden Ruf
nach Selbstbestimmtheit und -verwirklichung mit einem nach der
Obrigkeit beantworten. In der Schule hatten wir einen Namen für
solche Leute: Petzen!
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When there is useful information which [your] clmeier@lili.uni-bielefeld.de
program can send to the terminal but not get Clemens Meier
at itself, your customers start to say very GO C++ 3$ UL L+>+++ E++>+++ P-
unkindly things about you. R.A.O'Keefe N++ R+>+++ G'''' b++ TWERPS+++
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Aribert Deckers